Wir schreiben das Jahr 1865 und sind irgendwo in Irland: Tomás stapft mit seinem zehnjährigen Sohn durch das Land, um es zu kartieren – und stößt dabei auf einen uralten Hain, der das Leben seiner Familie verändern wird. Maggie O’Farrell erzählt eine wundersame Geschichte über das Erbe von Irland. Ich hab‘ sie verschlungen!
Sein Vater war immer ein Mann weniger Worte gewesen. Deshalb wird sich Liam bis ans Ende seines Lebens an den Tag erinnern, an dem sein Vater redselig wurde. Doch noch ist es nicht so weit. Noch ist es nur ein mühsamer Morgen, an dem der zehnjährige Liam mit seinem Vater Tomás durch Irland stapft, um ihm dabei zu helfen, das Land zu kartieren. Seit der Morgendämmerung schon sind sie auf den Beinen, trotz des Nordwestwinds, der ihnen die Mützen vom Kopf reißt. Und trotz des heftigen Regens, der auf sie niederprasselt. Liam steht auf einem Hügel und hält den Vermessungsstab in seinen kalten Händen. Tomás begutachtet das Land, das er kartieren soll: dort eine Weidegrenze, etwas weiter entfernt ein Dorf, auf einer Anhöhe eine Ruine und circa dreißig Meter unter ihm ein Hain, aus dem ein kraftvoller Bach fließt. Dieser Hain fesselt den Blick von Tomás.
Eine Landschaft,
auf der dicke, schwere Wolken lasten,
die sich auflockern und wiederzusammenballen,
Licht durchlassen und wieder verdecken,
ein ums andere Mal.
Er schickt zuerst seinen Sohn mit der Vermessungskette dorthin, um die Entfernung festzustellen. Kaum hat der zehnjährige Liam den Hain betreten, hören Regen und Wind mit einem Schlag auf und er bemerkt: Hier herrscht eine andere Art von Licht. Der Boden schmatzt bei jedem Schritt und zerrt an seinen Stiefelsohlen. Durch das Gewirr der Zweige sieht er es glitzern: der Bach, dessen Ursprung sein Vater kartieren will? Oder doch ein Teich? Dann ertönt hinter ihm ein seltsames Geräusch, das an menschliches Lachen erinnert. Liam erschrickt, wirbelt herum, sieht zwar nichts, spürt aber eine dichte Energie, die ihn noch mehr erschrecken lässt. Er will weglaufen, bleibt aber mit einem Fuß zwischen Felsbrocken stecken, reißt sich los und flüchtet – einen Stiefel verliert er im Morast. Später wird sein Vater Tomás den Hain betreten, um den Stiefel zu suchen und als veränderter Mensch zurückkehren. Was ist dort geschehen?
Ein tiefgründiges, wundersames, berührendes Buch: Ich habe die 566 Seiten an wenigen Abenden verschlungen – fasziniert von der Welt, in die uns Maggie O’Farrell mitnimmt und wie sie von einer irischen Familie erzählt, deren Mitglieder sich finden und verlieren und wieder finden. Denn nichts vergeht, die Geschichte hält nie still …
Im Piper Verlag um € 27,95 (A)