Als Paul Auster im Sterben lag, sagte er zu seiner Frau Siri Hustvedt: Ich will ein Geist werden. So kam es auch. Die Ghost Stories sind ein Erinnerungsbuch, ein Liebesbuch, ein Trauerbuch, ein Zukunftsbuch. Denn Siri Hustvedt schafft damit auch eine neue Grundlage für sich selbst: um weiterzumachen – mit dem Leben und Schreiben. Ein großes Buch von einer großen Frau, eindrucksvoller geht’s kaum.
Siri Hustvedt ist eine amerikanische Bestsellerautorin, Essayistin, Gelehrte, Vortragende und Literaturwissenschaftlerin, die über Charles Dickens promovierte. Und sie war 43 Jahre lang die Gefährtin von Paul Auster, seit 1982 mit ihm verheiratet. Als er im Sterben lag, sagte er zu ihr: Ich will ein Geist werden. So kam es auch: Am Tag seiner Beerdigung spürt sie seine Präsenz, als sie sich kurz in das gemeinsame Schlafzimmer zurückzieht. In den folgenden Wochen riecht sie immer wieder den Rauch seinen Zigarillos. Der Geist von Paul scheint da zu sein und Siri spürt den Wunsch, ihn zu neuem Leben zu erwecken. Also erzählt sie von ihm – über Zettel, Postkarten, Faxe, Briefe, über Tagebucheinträge, Songtexte, Videos, Kurznachrichten. Doch bald wird klar, dass sie nicht nur von Paul erzählt, sondern auch die Geschichte ihrer Liebe – von einem Paar, das legendär werden sollte.
Was wäre, wenn
ich dir nicht begegnet wäre?
Siri Hustvedt und Paul Auster lernen sich in New York auf einer Party kennen und verlieben sich so sehr, dass der folgende Satz ihr Satz werden sollte: Was wäre, wenn ich dir nicht begegnet wäre? Sie begleiten sich im Leben und Schreiben – und von all dem handelt dieses Buch: von den schönen und den traurigen Ereignissen ihres Lebens, von ihren Büchern und Figuren, die sie sogar miteinander verheiraten, von ihren intellektuellen Diskussionen und der körperlichen Liebe, von ihren Reisen, den Alltagsgewohnheiten – und von ihrem Schreibprozess im Haus in Brooklyn. Paul in einem kleinen Zimmer, nahe am Garten, bis ans Ende seines Lebens analog, mit der Hand und der Schreibmaschine. Siri in einem oberen Stockwerk am Laptop. Sie erzählt vom Schreiben, Leben und Sterben und vom Weiterleben und Weiterschreiben.
Schreiben ist Handeln.
Dieses Buch zeigt auch eine Autorin, die in der öffentlichen Wahrnehmung meistens „die Frau von“ war. Obwohl Paul Auster regelmäßig in Interviews darauf hinwies, dass sie die Intellektuelle in der Familie ist und wie sie ihn mit ihrem Intellekt inspirierte, blieb es umgekehrt. Die (damalige) Gesellschaftsordnung wollte es so: Er, der Intellektuelle – sie, seine schöne Frau. Spätestens mit diesem großen Buch ist Siri Hustvedt in ihrer ganzen Größe sichtbar. Das finde ich gut.
Im Rowohlt Verlag um € 26,95 (A)
Unbedingt wissen solltet ihr noch: Auf den ersten rund 100 Seiten (von insgesamt 400) sind die Krankheit und das Sterben von Paul Auster dominierend. Ihr seid in „Krebsland“, wie Siri Hustvedt diese Zeit bezeichnet, diese Texte sind nicht einfach zu verdauen. Danach werden die Ghost Stories leichter – doch als Strandlektüre eignen sie sich nicht. Sie gehen auf jeder Seite tief und berühren das ganze Menschsein: Körper, Geist und Seele.