Was für ein Titel – er fiel mir sofort ins Auge, weil er Sehnsucht verriet. Und tatsächlich: Im Debütroman von Jegana Dschabbarowa tut sich eine verborgene Welt auf, in der die Hände einer Frau nicht zum Schreiben bestimmt sind. Ein Buch über Zugehörigkeit und Selbstbestimmung und über einen Körper, der die Hauptrolle übernimmt.
Dieser Roman nimmt dich mit in eine aserbaidschanische Familie, die in Russland lebt. Die Regeln sind patriarchalisch, streng und konservativ. Der Ich-Erzählerin wird beispielsweise verboten, ihre dichten Augenbrauen zu zupfen – nicht nur, weil Allah seinen Geschöpfen untersagt, etwas an ihren Körpern zu verändern, sondern auch, um ihren unverheirateten Status erkennbar zu machen. Erst nach der Hochzeit dürfen die Augenbrauen zu dünnen Linien gezupft werden. Vorausgesetzt, die Ich-Erzählerin schafft es, einen Mann zu finden, der sie heiratet. Einiges spricht dagegen. Doch falls sie ihre Eltern nicht mit einer Heirat glücklich macht, gilt sie als schlechte Tochter.
in einer welt
in der nur träume dir gehören
bewahr sie für den langen winter.
Die Ich-Erzählerin verärgert permanent ihre Familie: Sie kann weder den Mund halten noch den Blick senken. Außerdem will sie ihre Hände zum Schreiben benutzen. Doch dann beginnt ihr Körper, verrückt zu spielen. Ihre Arme und Beine zucken, ihre Muskeln krampfen. Die Ich-Erzählerin hat Angst, weil ihr Körper sichtbar wird. Die Kleidung, die sie im Krankenhaus trägt, macht ihren Körper ebenfalls sichtbar. Ihre Eltern werden noch wütender. Richtig Angst bekommt die Ich-Erzählerin aber, als sie versteht, dass mit ihrem Körper etwas Unumkehrbares geschieht – etwas, das größer ist als sie selbst.
Ein Roman über Zugehörigkeit und Selbstbestimmung, über einen Körper, der die Hauptrolle übernimmt – und über den Wunsch, sich vom Schreiben befreien zu lassen. All das in einer poetischen, eleganten, kraftvollen Sprache.
Im Zsolnay Verlag um € 23,70 (A)