Lesestoff

Henrik Szántó
Treppe aus Papier

Hier erzählt ein altes Haus aus seinem Inneren und von den Menschen, die über Jahrzehnte darin gelebt haben. Auf der Treppe begegnen sich ihre Geschichten, vor allem die von Ruth, Irma und Nele – auch wenn sie gar nicht zur selben Zeit gelebt haben. Und doch verwebt sich ihr Leben. Verdrängtes drängt nach oben und fließt durch das Haus, hält an manchen Ecken inne und das alte Haus fragt: Ist Versöhnung möglich?

Ein Haus wie andere auch: gestapelter Stein, verputzte Mauern, verlegte Rohre, Briefkästen und Türschilder mit wechselnden Namen. Dazwischen eine Treppe, auf der die Menschen ein Jahrhundert lang hinauf- und hinuntersteigen. Die Treppe spürte schmale Kinderfüße die Stufen erklimmen, gefolgt von Damenschuhen aus Leder. Die Treppe trug aber auch die schweren Lederstiefel der SA, Sandalen von einfältigen Müttern und Sicherheitsschuhe von ängstlichen Vätern. Heute nimmt die Treppe die langsamen Schritte von Irma auf. Daneben läuft Nele in Sneakers leichtfüßig die Stufen hinunter. Das Haus ermöglicht, dass die beiden sich irgendwann anfreunden – die betagte Irma, die fast ihr ganzes Leben im Haus verbrachte. Und Nele, eine rebellische Jugendliche, die sich gerade für eine Klausur in Geschichte vorbereiten soll.


Auch das Schweigen hat seine Saison.


Nele spürt bald, dass auf Irma ein Geheimnis lastet, das sie seit ihrer Kindheit in sich bewahrt. Sie beginnt zu fragen und erhält ehrliche Antworten – anfangs zögerlich, dann ausführlicher. Plötzlich wird für Nele der langweilige Lernstoff in Geschichte lebendig. Wenn sie nach einem Gespräch mit Irma in die Familienwohnung, drei Stockwerke höher, zurückkehrt, fragt sie sich, wer dort mal gelebt hat. Sie fragt weiter und Irma erzählt, denn sie spürt das ehrliche Interesse von Nele. Und so lässt sie zu, dass Verdrängtes nach oben drängt und ausgesprochen wird. Zwischendurch erzählt die Treppe – beispielsweise von Ruth, einem Mädchen, das ebenfalls hier lebte und mit ihren schmalen Füßen die Stufen hinauf- und hinablief. Bis im Land, in dem das Haus steht, alles anders wurde …

In diesem Buch fließen die Geschichten wie Bewegungen auf einer Treppe – sie sind von Objektivität getragen und gerade deshalb so berührend. Ein kühnes, inspirierendes, spannendes Buch, das zeigt, wie tief die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt.

Im Blessing Verlag um € 24,95 (A)

Das Buch Treppe aus Papier von Henrik Szántó
Ein Roman, der zeigt, wie tief die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt. Erzählt wird die Geschichte von einem alten Haus und seiner Treppe – kühn, berührend, kompromisslos und dennoch freundlich.