Meine Entdeckung des vergangenen Jahres – und ein Buch, das mich auf allen Ebenen begeistert: Anna Maschik erzählt eine Familiengeschichte, die wir über die Innereien eines Schafes betreten, das heimlich geschlachtet wurde – auf einem Bauernhof an der Nordsee. Von dort spannt sich der Erzählbogen über ein Jahrhundert bis nach Wien: in spielerischer Leichtigkeit und gleichzeitig archaischer Wucht.
Mit einem heimlich geschlachteten Schaf beginnt der Blick zurück auf die Vorfahren der Erzählerin – beispielsweise auf jene Urgroßmutter, die, nachdem sie das Schaf geschlachtet hatte, in seinem Blut rührt, Würste daraus macht und froh ist, dass ihre Familie genug zu essen hat: in diesem kargen Alltag, auf einem Bauernhof hoch oben an der Nordsee. Wir erfahren aber auch von anderen Vorfahren: einem Großonkel, der fünfzehn Jahre lang schläft und dann plötzlich aufsteht, als ob nichts gewesen wäre. Oder von der Großmutter, die Ziegel vom Dach stiehlt.
Die Landschaft ist ein großer schlafender Körper,
an den sie sich mit Blicken schmiegen kann,
und das Meer ist seine Atmung.
Und dann erfahren wir noch von bevorzugten und den geduldeten Kindern – von jenen, für die man Schlaflieder singt und sie dabei zärtlich in den Armen wiegt. Und von den anderen Kindern, für die niemand ein Schlaflied singt. In diesem Buch verholzen Menschen und verwandeln sich in einen Zitronenbaum. Wundersames verbindet sich mit Realem. So vergeht ein Jahrhundert, der Krieg kommt und vergeht, die Geschichte verlagert sich von der Nordsee nach Wien. Am Ende steht Alma, die letzte Nachfahrin dieser Familie, die zu verstehen lernt, warum sie das letzte Glied in der Kette ist und für Versöhnung sorgen muss.
Anna Maschik entfaltet in kurzen Passagen den Kosmos einer Familie: sprachlich virtuos, mit kraftvollen Bildern, in einer beeindruckenden Dramaturgie – abgebrüht und zugleich zart, magisch und rätselhaft. Ich las mit offenem Mund und endete mit offenem Herzen. Ein großartiges Buch!
Im Luchterhand Verlag um € 24,95 (A)